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Lernen im immersiven Unterricht: Die Bedeutsamkeit von Schülervariablen



Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft 

Prof. Dr. Jens MöllerDr. Anna Chr. M. Zaunbauer, Dipl.-Psych. S. Kristina Gebauer (geb. Kuska)

Zusammenfassung

In Zeiten der Globalisierung wird von einer steigenden Bedeutung des Fremdsprachenlernens ausgegangen (Wode, 2001). Dem Ziel, allen Schülerinnen und Schülern möglichst optimale Fremdsprachenkenntnisse zu ermöglichen, dient der so genannte Immersionsunterricht (für einen Überblick über den Erwerb fremdsprachlicher Kompetenzen siehe Möller & Zaunbauer, 2008). Im Unterschied zum klassischen lehrgangsorientierten Fremdsprachen­unterricht wird hierbei die zu lernende Sprache (L2) nicht als Lehrgegenstand, sondern als Unterrichtssprache in möglichst vielen Fächern mit Ausnahme des mutter-/erstsprachlichen Unterrichts (Alphabetisierung) genutzt (Im kanadischen Raum findet im Gegensatz dazu auch die Alphabetisierung in der L2 statt). Zahlreiche empirische Untersuchungen belegen Vorteile des Fremdsprachenlernens im immersiven Unterricht (Genesee, 1987; Johnson & Swain, 1997; Loyall, 2000). Der Erfolg der Methode, vor allem bezüglich der Entwicklung von Erstsprache (L1) und Leistungen in nicht-sprachlichen Fächern wie Mathematik (Lambert, 1992) scheint jedoch von Variablen des Schulprogramms wie der Dauer der Immersion, vor allem aber von Variablen der Lernenden abzuhängen (z.B. Ausgangsniveau in Mutter- und Fremdsprache, siehe Marsh, Hau & Kong, 2000). Zwar existiert im bundesdeutschen Raum eine Tradition linguistischer Untersuchungen zu Effekten des Immersionsunterrichts (Wode, 1994, 1995), der wachsenden Bedeutung dieser Unterrichtsform steht jedoch die weitgehende Vernachlässigung pädagogisch-psychologisch fundierter Unter­suchungen zu Determinanten und Effekten immersiven Lernens gegenüber. Insbesondere fehlen entsprechende Längsschnittanalysen hierzulande wie auch international.

Im aktuellen Projekt wird daher längsschnittlich im Zeitraum vom Beginn der Grundschule bis zur vierten Grundschulklasse vergleichend untersucht, wie sich die Leistungen in Deutsch, Mathematik und Englisch von immersiv sowie klassisch unterrichteten Schülern entwickeln und wie diese Entwicklungen mit allgemeinen kognitiven Variablen (z.B. Intelligenz), sprachbezogenen Variablen (z.B. Kapazität des phonologischen Speichers; Baddeley, 1986) sowie motivationalen Variablen (z.B. akademisches Selbstkonzept) des Lernenden verknüpft sind. Den Ausgangspunkt und theoretischen Hintergrund für diese Untersuchung bildet das Fremdspracherwerbsmodell von Cummins (1979a, b; 1981; 1991).

Erste Ergebnisse aus dem Projekt

Im Projekt werden zwei Kohorten über die gesamte Grundschulzeit hinweg untersucht. Kohorte 1 wurde im Schuljahr 2004/05, Kohorte 2 im Schuljahr 2005/06 eingeschult. Zusätzlich werden schulische Leistungen von Schülern aus älteren Klassenstufen mitberücksichtigt. Die Hälfte der Schüler wird monolingual, die Hälfte der Schüler immersiv unterrichtet. Immersiv unterrichtete Schüler lernen alle Fächer bis auf Lesen und Schreiben in der L2 Englisch. Deutsch dient nur in knapp 30% der Unterrichtszeit als Unterrichtssprache.

Erste Datenanalysen zeigten, dass immersiv unterrichtete Schüler am Ende der ersten Klassenstufe vergleichbare Leistungen in Hinblick auf das Lesen, Schreiben und Rechnen erbringen wie ihre monolingual unterrichteten Mitschüler, die keinen fremdsprachlichen Unterricht erhalten. Sie erleiden keine Nachteile durch den reduzierten erstsprachlichen Unterricht (Zaunbauer & Möller, 2007).

Es stellte sich zudem heraus, dass die Entwicklung im Lesen und Schreiben von der ersten zur zweiten Jahrgangsstufe in den beiden Gruppen recht ähnlich verläuft. Die Entwicklung im Bereich der Mathematik hingegen verläuft in der Gruppe immersiv unterrichteter Schüler (auch bei Kontrolle kognitiver Unterschiede) positiver (Zaunbauer & Möller, 2010). Dafür könnte der immersive Unterricht, aber auch die Stichprobenselektivität oder die unterschiedliche didaktische und fachliche Gestaltung des Unterrichts verantwortlich sein. Sie könnte aber auch Resultat einer vermehrten zusätzlichen Hilfe seitens interessierter Eltern sein.

Im Unterschied dazu konnten wir in einer anderen Studie solche Leistungsunterschiede zwischen monolingual und immersiv unterrichteten Schülern der zweiten und dritten Jahrgangsstufe nicht beobachten (Zaunbauer & Möller, 2006). Auch bei Kontrolle kognitiver und motivationaler Unterschiede fallen die Leistungen im Lesen und Schreiben in der Erstsprache ähnlich aus. Zudem zeigen sich vergleichbare Mathematikleistungen.

Für immersiv unterrichtete Viertklässler konnten wir zeigen, dass sie im Hinblick auf das erstsprachliche Leseverständnis keine Nachteile gegenüber monolingual unterrichteten Schülern haben, obwohl Deutsch nur in einem geringen Ausmaß als Unterrichtssprache Verwendung findet (Zaunbauer, Bonerad & Möller, 2005b).

Ähnlich konnte für eine weitere Gruppe von Viertklässlern, die Hälfte immersiv unterrichtet, die Hälfte monolingual unterrichtet (klassischer Englischunterricht ab der dritten Klassenstufe), das Fehlen von Unterschieden im Hinblick auf das erstsprachliche Leseverständnis belegt werden. Erwartungsgemäß war das fremdsprachliche Leseverständnis immersiv unterrichteter Schüler deutlich besser verglichen mit den monolingual unterrichteten Schülern. Im Vergleich zur australischen Norm erreichten die hier untersuchten immersiv unterrichteten Schüler der vierten Stufe knapp 16 von maximal 19 Punkten im TORCH-Test. Damit liegen ihre Leistungen verglichen mit englischen Muttersprachlern der 3. und 4. Stufe im mittleren Bereich (Zaunbauer, Bonerad & Möller, 2005a).


Publikationen

 

Zeitschriftenbeiträge

 

Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M. & Möller, J. (2010). Sind Immersionsschüler wirklich leistungsstärker? Ein Lernexperiment. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 42, 143-153.

Zaunbauer, A. C. M. & Möller, J. (2010). Schulische Entwicklung monolingual und immersiv unterrichteter Schüler: Ergebnisse der ersten zwei Grundschuljahre. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 1, 30-45.


Zaunbauer, A. C. M. & Möller, J. (2007). Schulleistungen monolingual und immersiv unterrichteter Kinder am Ende des ersten Schuljahres. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 39(3), 141-153.


Zaunbauer, A. C. M. & Möller, J. (2006). Schriftsprachliche und mathematische Leistungen in der Erstsprache: Ein Vergleich monolingual und teilimmersiv unterrichteter Kinder der zweiten und dritten Klassenstufe. Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, 17(2), 181-200.

Zaunbauer, A. C. M., Bonerad, E.-M. & Möller, J. (2005). Muttersprachliches Leseverständnis immersiv unterrichteter Kinder. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 19(4), 263-265.

 
Tagungsbeiträge

 

Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M., & Möller, J. (2009, September). Immersionsprogramme für Schüler der Majoritätssprache: Eine standardisierte Untersuchung der Lernleistung. Poster präsentiert auf der 12. Fachtagung Pädagogische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (PAEPS 2009), Saarbrücken. 

Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M., & Möller, J. (2009, August). Immersion Programs in German Elementary Schools: Standardized Examination of Learning Achievement. Paper presented at the 13th Biennial Conference for Research on Learning and Instruction (EARLI 2009), Amsterdam, The Netherlands.


Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M., & Möller, J. (2009, April). Immersion Programs in German Elementary Schools. Paper presented at the 90th annual meeting of the American Educational Research Association (AERA), San Diego, CA.


Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M., Südkamp, A., Retelsdorf, J., & Möller, J. (2008, November). Immersion Programs in German Elementary Schools: Benefit or Loss? Paper presented at the 3rd European Practice Based and Practitioner Research Conference on Learning and Instruction (PBPR), Bergen, Norway.


Kuska, S. K., Zaunbauer, A. C. M., Retelsdorf, J. & Möller, J. (2008, August). Leistungsentwicklung von Jungen und Mädchen in immersiv und monolingual unterrichteten Grundschulklassen. Vortrag gehalten auf der 71. Tagung der Arbeitsgruppe für Empirische Pädagogische Forschung (AEPF), Kiel.

Zaunbauer-Womelsdorf, A. Chr. M. & Wolfgram, L. (2006). Die Rolle der Automatisiertheit des Lesens für das Leseverständnis bei monolingual und immersiv unterrichteten Schülern. (Posterbeitrag). In H. Hecht, S.Berti, G. Meinhardt & H. Gamer (Hrsg.), Beiträge zur 48. Tagung experimentell arbeitender Psychologen. Johannes Gutenberg Universität Mainz, 26.-29.03.2005 (S. 320). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Häbel, D. & Zaunbauer-Womelsdorf, A. Chr. M.(2006). Gedächtnisleistungen monolingual und immersiv unterrichteter Schüler. (Posterbeitrag). In H. Hecht, S.Berti, G. Meinhardt & H. Gamer (Hrsg.), Beiträge zur 48. Tagung experimentell arbeitender Psychologen. Johannes Gutenberg Universität Mainz, 26.-29.03.2005 (S. 264). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Paulsen, N. & Zaunbauer-Womelsdorf, A. Chr. M. (2006). Automatisiertheit des Lesens bei monolingual und immersiv unterrichteten Schülern. (Posterbeitrag). In H. Hecht, S.Berti, G. Meinhardt & H. Gamer (Hrsg.), Beiträge zur 48. Tagung experimentell arbeitender Psychologen. Johannes Gutenberg Universität Mainz, 26.-29.03.2005 (S. 295). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Zaunbauer, A. Chr. M., Bonerad, E.-M. & Möller, J. (2005). Muttersprachliches Leseverständnis immersiv unterrichteter Kinder. (Kongressbeitrag). In Tagung der Sektion Empirische Bildungsforschung. Veränderungsmessung und Längsschnittstudien. Neue Datengrundlagen für Bildungsforschung und Bildungsmonitoring, Henry Ford Bau Berlin, 17.-19. März 2005 (Abstract S. 180).

Zaunbauer, A. Chr. M., Bonerad, E.-M. & Möller, J. (2005). Muttersprachliche und fremdsprachliche Lesekompetenz immersiv unterrichteter Kinder. (Kongressbeitrag). In Pädagogische Psychologie. 10. Fachtagung. Halle (Saale), 26.-28.09.2005. Abstracts (S. 151). http://www.paeps10.uni-halle.de/