Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften und Lehramtsstudiernden

 

 
 
 
 

Zusammenfassung

Der diagnostischen Kompetenz von Lehrkräften wird neben der Klassenführungskompetenz, der didaktischen und fachwissenschaftlichen Kompetenz eine wichtige Rolle für die Unterrichtsgestaltung und den Unterrichtserfolg zugeschrieben (Helmke, Hosenfeld & Schrader, 2004). Unter diagnostischer Kompetenz wird im Kern die Fähigkeit verstanden, Personen zutreffend zu beurteilen (Schrader, 2006). Es werden aber auch Fähigkeiten und Wissen dazu gezählt, die die Lehrkräfte zu akkuraten diagnostischen Urteilen befähigen. Dazu gehören u.a. methodisches Wissen (z.B. Kenntnis und Beherrschung diagnostischer Methoden, Wissen über Urteilsfehler und –tendenzen) und bereichs- oder gegenstandsspezifisches Wissen (z.B. über die An­forderungen in einem Lerngebiet oder über Schwierig­keits­merk­male von Aufgaben). Außerdem spielen spezifische Kenntnisse (z.B. Wissen über einzelne Schüler und Klassen, z.B. deren Stärken und Schwächen, über die Schwierigkeit und Beliebtheit von Unterrichts­stoffen in der Klasse) eine entscheidende Rolle.

Stand der Forschung

Die bisherige Forschung zur diagnostischen Kompetenz von Lehrkräften beschäftigte sich vor allem mit der Genauigkeit diagnostischer Urteile. In entsprechenden Studien wurden Lehrerurteile bezüglich verschiedener Schülermerkmale und die tatsächlichen Merkmalsausprägungen, die anhand standardisierter Tests erhoben wurden, miteinander verglichen. Die Auswertung beschränkt sich dabei häufig auf die Berechnung von Korrelationen zwischen Lehrerurteil und Merkmalsausprägung als Maß für die Übereinstimmung.
Nach Helmke und Schrader (1987) sind bei der Analyse der Genauigkeit von Lehrerurteilen drei Komponenten zu berücksichtigen: die Niveau-, die Differenzierungs- und die Rangkomponente. Die Niveaukomponente ist ein Maß für die Genauigkeit der Einschätzung des absoluten Niveaus eines Schülermerkmals. Die Differenzierungskomponente gibt an, ob eine Über- oder Unterschätzung der Streuung eines Schülermerkmals stattgefunden hat. Schließlich gibt die Rangkomponente Aufschluss darüber, inwiefern durch die Lehrkraft eine korrekte Rangfolge der Schülerleistungen innerhalb einer Klasse erstellt wurde.
Bislang wurden nur in wenigen Studien zur diagnostischen Kompetenz von Lehrkräften alle drei Komponenten diagnostischer Urteile berücksichtigt. Wird das Niveau der Schülerleistungen bei der Untersuchung der Genauigkeit der Leistungsbeurteilung einbezogen, deuten die Ergebnisse häufig auf eine Überschätzung der Schülerleistungen hin (Artelt, Stanat, Schneider & Schiefele, 2001; Bates & Nettelbeck, 2001; Madelaine & Wheldall, 2005). Im Gegensatz dazu wird in der Regel von einer Unterschätzung der Streuung der Schülerleistungen berichtet (Helmke et al., 2004; Helmke & Schrader, 1987), während die Rangkomponente als zufriedenstellend interpretiert wird (Demaray & Elliot, 1998; Egan & Archer, 1985; Feinberg & Shapiro, 2003; Hoge & Butcher, 1984). Demnach schätzen die Lehrkräfte die Rangfolge der Schülerleistungen innerhalb einer Klasse recht genau ein. Die Metaanalyse von Hoge & Coladarci (1989) umfasst 16 Studien zur Urteilsgenauigkeit von Lehrkräften, die Korrelationen zwischen r = .28 und r = .92 zwischen Lehrerurteilen über die schulische Leistung ihrer Schüler und deren tatsächlichem Abschneiden in einem standardisierten Schulleistungstest berichten. Der Median der Korrelationen wird mit r = .66 angegeben.

Der Simulierte Klassenraum (SKR)

Eine für die experimentelle Untersuchung der diagnostischen Kompetenz geeignete Methode stellt das Paradigma des simulierten Klassenraums dar (Fiedler, Freytag & Unkelbach, 2007; Fiedler, Walther, Freytag & Plessner, 2002). Dabei handelt es sich um die Computersimulation eines Klassenzimmers, in dem der Anwender die Rolle eines Lehrers übernimmt, mit virtuellen Schülern interagiert und beispielsweise deren experimentell gesteuerte Leistung beurteilt. Der Proband wählt aus einem Menü unterrichtsfachbezogene Fragen aus, die er an die Schüler auf dem Computerbildschirm richtet. Der Anteil korrekter Antworten der einzelnen Schüler stellt das Maß für die Fähigkeit der Schüler dar. Die Übereinstimmung der Schülerleistung mit dem Urteil der Probanden kann als diagnostische Kompetenz der Probanden ermittelt werden.
Der Simulierte Klassenraum kann der experimentellen Untersuchung verschiedener Fragestellungen aus der Lehrer-, Schüler- und Unterrichtsforschung dienen. Im Bereich der Erforschung der diagnostischen Kompetenz kann neben der Fähigkeit eine Vielzahl weiterer Schülermerkmale (Motivation, Sozialverhalten, sozio-kultureller Hintergrund) simuliert und in ihren Effekten etwa auf die Urteilsprozesse von Lehrern untersucht werden. Ziel sollte es sein, die Unterrichtssituation so ökologisch valide wie möglich abzubilden und gleichzeitig die Untersuchung experimentell zugespitzter Fragestellungen mit hoher interner Validität zuzulassen.

Ergebnisse erster Untersuchungen

In ersten Untersuchungen mit dem Simulierten Klassenraum konnten bereits Hinweise auf die Validität des Instruments gefunden werden: So konnten Lehramtsstudierende im SKR ähnlich wie Lehrkräfte in realen Klassen eine annähernd genaue Rangfolge der Schülerleistungen innerhalb einer Klasse bilden, das absolute Niveau der Leistungen wurde über- und deren Streuung unterschätzt. Zudem konnte im Simulierten Klassenraum ein Erwartungseffekt repliziert werden: Schüler, die in der ersten Unterrichtseinheit eine schlechte Leistung zeigten, wurden nach der zweiten Unterrichtseinheit schwächer eingeschätzt als Schüler, die in der ersten Unterrichtseinheit eine gute Leistung zeigten, obwohl die Leistungen beider Schülergruppen in der zweiten Unterrichtseinheit identisch waren.
In weiteren Studien konnten Effekte stereotyper Vorinformationen gezeigt werden. So wurden Schüler, die einen türkischen Vornamen erhielten, im Falle guter Leistungen besser, im Falle schlechter Leistungen schlechter eingeschätzt als leistungsgleiche Schüler mit deutschen Vornamen. Dieser Effekt zeigte sich nicht nur bei Lehramtsstudierenden sondern auch bei berufserfahrenen Lehrkräften. Außerdem konnte in einer weiteren Studie ein Referenzgruppeneffekt gefunden werden, demzufolge zwei Schüler mit identischen Leistungen je nach Leistungsstärke ihrer ‚Klasse’ unterschiedlich eingeschätzt wurden. Die Leistungen eines Schülers in einer leistungsstarken Klasse wurden niedriger eingeschätzt als die identischen Leistungen eines Schülers in einer leistungsschwächeren Klasse.


Publikationen


Zeitschriftenbeiträge

Südkamp, A. & Möller, J. (2009). Referenzgruppeneffekte im Simulierten Klassenraum: direkte und indirekte Einschätzungen von Schülerleistungen. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 23, 161-174.

Südkamp, A., Möller, J., Pohlmann, B. (2008). Der Simulierte Klassenraum: Eine experimentelle Untersuchung zur diagnostischen Kompetenz. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 22, S.261 - 276.

Buchbeiträge

Südkamp, A., Möller, J. & Pohlmann, B. (2008). Der Simulierte Klassenraum: Ein Instrument zur Untersuchung von diagnostischer Kompetenz. In: E.-M. Lankes (Hrsg.). Pädagogische Professionalität als Gegenstand Empirischer Forschung. Münster: Waxmann.

Tagungsbeiträge

Südkamp, A. & Möller, J. (2009, August). Differences in teachers’ judgments on immigrant and non-immigrant students, Paper presented at the European Association of Learning and Instruction Conference. Amsterdam, Netherlands.

Südkamp, A. & Möller, J. (2009, April). What moderates the accuracy of teachers’ judgments? A study on reference-group effects, Paper presented at the Annual Meeting of the American Educational Research Association. San Diego, USA.

Südkamp, A., Pohlmann, B. & Möller, J. (2008, March). The Simulated Classroom: An Experimental Study on Diagnostic Competence, Poster presented at the Annual Meeting of the American Educational Research Association. New York City, USA.

Südkamp, A., Pohlmann, B. & Möller, J. (2008, Juli). Reference-Group-Effects on Teachers’ Judgments: A Study with the Simulated Classroom, International Congress of Psychology, Berlin.

Südkamp, A., Möller, J. & Pohlmann, B. (2007, September). Der Simulierte Klassenraum: Diagnostische Kompetenz von Lehramtsstudierenden, Vortrag gehalten auf der 11. Fachtagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie, Berlin.

Südkamp, A., Möller, J. & Pohlmann, B. (2007, September). Diagnostische Kompetenz von Lehramtsstudierenden: Eine Untersuchung im Simulierten Klassenraum, Vortrag gehalten auf der 70. Tagung der Arbeitsgruppe für Empirische Pädagogische Forschung, Lüneburg.